Tablettenintoxikation
Mit Interesse haben wir den Artikel zu einer schwer verlaufenen Venlafaxin-Intoxikation mit Krampfanfällen und kardiogenem Schock gelesen. Aus Sicht von Tox Info Suisse möchten wir drei Punkte zu diesem Artikel anmerken, die Dekontamination, den Verlauf der Intoxikation und die Tablettenmenge.

Dekontamination

Die Magenspülung ist mit einem erheblichen Risiko behaftet und die Evidenz für ein verbessertes Outcome fehlt, deshalb wird sie seit vielen Jahren nicht mehr empfohlen und die Empfehlung im Artikel zur Magenspülung sollte deshalb nicht befolgt werden.
Es überrascht sehr, dass angegeben wird, im Zentrumsspital sei eine Magenspülung mit Extraktion eines «Tabletten-Bezoars» durchgeführt worden. Bei einer Magenspülung werden Tabletten oder Tablettenreste nur teilweise und unzuverlässig aus dem Magen entfernt. Insbesondere ist nicht zu erwarten, dass Bezoare, die je nach Anzahl der miteinander verklumpten Tabletten recht gross sein können, durch eine Magenspülung entfernt werden.
Das Standardverfahren zur Entfernung grösserer Tablettenmengen ist heute die Gastroduodenoskopie. Diese sollte nach Einnahme einer potentiell lebensbedrohlichen Menge von Retardpräparaten oder Substanzen, die nicht an Kohle binden, in Betracht gezogen werden. Im Anschluss an die Gastroduodenoskopie kann je nach Substanz Aktivkohle verabreicht werden.
Gerade bei Venlafaxin-Retardpräparaten spielt ausserdem die Galenik der Tabletten für die Dekontaminationsempfehlung eine grosse Rolle. Bei gewissen Depotcaps mit Makropellets ist die Bildung eines Bezoars möglich, bei Präparaten mit Mikropellets ist eine solche nicht zu erwarten.
Die primäre Giftelimination sollte so früh wie möglich erfolgen und nicht erst dann, wenn schwere Symptome auftreten. Der Fall unterstreicht deshalb, wie wichtig die Abschätzung der maximal möglichen Einnahmemenge ist, um die Dekontamination, die Therapie und den Ort der Hospitalisation (peripheres Spital oder Zentrumsspital mit Möglichkeit der extrakorporalen Membranoxygenierung [ECMO]) adäquat zu planen.

Verlauf

Die im Verlauf auftretenden rezidivierenden und mit Benzodiazepinen nicht beherrschbaren Krampfanfälle sind keinesfalls mit der ursprünglich genannten Menge von drei Tabletten vereinbar. Differentialdiagnostisch ist bei einer ansonsten gesunden Jugendlichen mit Suizidversuch neben weiteren eingenommenen Substanzen auch eine falsch niedrig angegebene Tablettenmenge sehr wahrscheinlich. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wäre eine Reevaluation des Falles angezeigt gewesen und weitere mögliche therapeutische Massnahmen hätten diskutiert werden sollen.

Tablettenmenge

Im Artikel ist von 160 leeren Blistern und einer Gesamtmenge von 24 g die Rede. Ein Blister enthält mehrere Tabletten, sodass die Angabe von 160 leeren Blistern und 24 g nicht zusammenpassen. Einer Gesamtmenge von 24 g entsprechen 160 Tabletten à 150 mg.
Prof. Dr. med. Alexander Jetter, Dr. med. Colette Degrandi, Dr. med. Katrin Faber, Dr. med. Cornelia Reichert;
Tox Info Suisse, Zürich
Die Replik auf diesen Leserbrief finden Sie unter: https://smf.swisshealthweb.ch/de/article/doi/smf.2023.1504150804.
Conflict of Interest Statement
Die Autorinnen und Autoren haben deklariert, keine potentiellen Interessenskonflikte zu haben.
© Thomas Gowanlock | Dreamstime.com

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