Stroke Units und Stroke Centers in der Schweiz
Empfehlungen 2022
Peer-review

Stroke Units und Stroke Centers in der Schweiz

Aktuell
Ausgabe
2024/06
DOI:
https://doi.org/10.4414/smf.2024.1343858063
Swiss Med Forum. 2024;24(06):64-72

Affiliations
a Neurologie, Universitätsspital Basel, Basel
b Neurorehabilitation, Universitäre Altersmedizin Felix-Platter Basel, Basel
c Universitätsklinik für Neuroradiologie, Inselspital Bern, Bern
d Service de neurologie, Médicine, HFR Fribourg - Hôpital Cantonal Fribourg, Fribourg
e Neurochirurgie, Klinik Hirslanden, Zürich
f Universitätsklinik für Neurologie, Inselspital Bern, Bern
g Intensivstation, Universitätsspital Basel, Basel
h Neurointensivmedizin, Inselspital Bern, Bern
i Klinik für Neurologie, Kantonsspital St. Gallen, St. Gallen
j Neurologie, Limmattalspital, Schlieren
k Klinik für Neurologie, Kantonsspital Aarau, Aarau
l Careum Hochsschule Gesundheit, Zürich
m Innere Medizin, Spitäler fmi AG, Interlaken
n Neurocentro della Svizzera Italiana, Ente Ospedaliero Cantonale (EOC), Lugano
o Zentrum für Neuroradiologie, Klinik Hirslanden, Zürich
p Universitäre Akut-Neurorehabilitation, Inselspital Bern, Bern
q Service de neurologie, Hôpitaux universitaires de Genève (HUG), Genève
r Klinik für Neurologie, Universitätsspital Zürich, Zürich
s Schmieder Kliniken Allensbach, Allensbach (Deutschland)
t Service de neurologie, Centre hospitalier universitaire vaudois (CHUV), Lausanne
u Service de neurologie, Réseau hospitalier neuchâtelois (RHNe), Neuchâtel

Publiziert am 14.02.2024

Die nachfolgenden Empfehlungen umfassen die angepassten Zertifizierungskriterien für Stroke Units und Stroke Centers in der Schweiz und stellen eine Revision der letztmals 2012 an dieser Stelle publizierten Richtlinien und Anforderungsprofile dar.

Hintergrund

Die vorliegende Revision beinhaltet die im Laufe der Jahre adaptierten Zertifizierungskriterien und wurde durch Fachpersonen, die die Fachgesellschaften in der Hirnschlagkommission der «Swiss Federation of Clinical Neurosocieties» (SFCNS) repräsentieren, und Mitgliedern des zwischenzeitlich entstandenen Netzwerkes Stroke Pflege in den regelmentarischen Sitzungen der SFCNS-Hirnschlagkommission sowie auf dem Korrespondenzweg revidiert. Diese Empfehlungen wurden von der SFCNS, der Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft, der Schweizerischen Gesellschaft für Neuroradiologie, der Schweizerischen Gesellschaft für Neurorehabilitation, der Schweizerischen Gesellschaft für Neurochirurgie, der Schweizerischen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie sowie der Schweizerischen Gesellschaft für Intensivmedizin gutgeheissen.

Einleitung und Ausgangslage

Der Hirnschlag (Synonym: Schlaganfall, englisch: «stroke») ist eine häufige Todesursache und eine der häufigsten Ursachen für bleibende körperliche Behinderung im Erwachsenenalter [1–3]. Eine Stroke Unit (SU) ist eine Behandlungseinheit eines Spitals, die spezifisch für Hirnschlagpatientinnen und -patienten konzipiert ist. Die Behandlung in einer SU ist für alle Schweregrade und alle Altersgruppen von Personen mit Hirnschlag wirksam. Sie verfügt über monitorisierte und nicht monitorisierte Behandlungsplätze. Patientinnen und Patienten, die in SUs behandelt werden, haben – im Vergleich zur herkömmlichen, weniger strukturierten Behandlung – eine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit zu überleben, ihre Selbständigkeit wiederzuerlangen und nach Hause zurückzukehren [4, 5]. Ein Stroke Center (SC) beinhaltet als Kernbehandlungseinheit eine SU und erweitert das Konzept der SU um weitere spezifische strukturelle, neuroradiologische und neurochirurgische Leistungen, die insbesondere auch Therapien umfassen, die unter die Definition der «hochspezialisierten Medizin» (HSM) fallen. SUs und SCs bilden in ihrer jeweiligen Region ein entsprechendes Netzwerk, das eine Behandlungskette von der Erstversorgung über die Rehabilitation bis zur ambulanten Nachsorge gewährleistet (Abb. 1).
Abbildung 1:Stroke Unit und Stroke Centers, Grundlage für die Bildung von Behandlungsketten zwischen Stroke Center, Stroke Unit, Spital ohne Stroke Unit und Rehabilitationskliniken.
HSM: hochspezialiserten Medizin; i.a.: intraarteriell; i.v.: intravenös.
Im Jahre 2012 wurden letztmals Richtlinien und Anforderungsprofile für SUs und SCs in der Schweiz publiziert [6]; dies in enger Abstimmung mit denjenigen der «European Stroke Organisation» (ESO) [7]. Die Kernelemente einer SU und des SC sind in den später folgenden Tabellen 1–7 aufgeführt. Die Folgejahre waren in der Schweiz geprägt durch die Entwicklung und Bildung von SUs und SCs sowie den Aufbau entsprechender Zertifizierungen nach Operationalisierung der Richtlinien in überprüfbare Kriterien. Hierfür wurde die SFCNS vom HSM-Organ der Gesundheitsdirektorenkonferenz (GDK) im Jahre 2011 mandatiert. Die Umsetzung obliegt der Zertifizierungskommission, dem Exekutivorgan der multidisziplinären SFCNS-Hirnschlagkommission, dies mit Unterstützung durch Sanacert und das Institut für Medizin und Kommunikation AG (IMK), was konzeptionelle, operative und administrative Prozesse angeht. In den vergangenen zehn Jahren hat sich das Zertifizierungsprozedere von SUs und SCs in der Schweiz etabliert und dazu beigetragen, dass sich die zertifizierten SUs und SCs zu einem entscheidenden Tragpfeiler der qualitativ hochstehenden Hirnschlagbehandlung in der Schweiz entwickeln konnten [8].
In Rezertifizierungsaudits konnte in fast allen Zentren eine stetige Zunahme der Prozess- und Ergebnisqualität festgestellt werden. Eine solche Entwicklung ist auch europaweit durch die Einführung der «ESO Certification for Stroke Units and Stroke Centers» feststellbar [9]. Die ESO-Zertifizierung ist der schweizerischen Version sehr ähnlich und in vielen Kriterien weitgehend deckungsgleich. Daher ist eine ESO-Zertifizierung für Schweizer SUs/SCs seit 2019 in einem stark vereinfachten, schlanken Administrativverfahren möglich (https://eso-certification.org/application/eso-certification-application-forms).
Parallel mit der Etablierung der nationalen SU- und SC-Zertifizierung wurde mit der Idee eines einheitlichen Datenerfassungstandards 2014 das «Swiss Stroke Registry» etabliert [10]. Dieses dient der Erfassung von Behandlungsdaten und Qualitätszahlen inklusiv durchgeführter HSM-Eingriffe und ermöglicht die jährliche Berichterstattung an das HSM-Beratungsgorgan der GDK.
Eine Revision der Richtlinien 2022 ist nicht zuletzt auch deshalb angezeigt, um den erheblichen interprofessionellen fachlichen Entwicklungen der letzten Jahre gerecht zu werden.
Die Behandlung des akuten Hirnschlages erfolgt in einer SU, einem SC oder auf einer zertifizierten Intensivstation, wenn die Indikation zur Applikation intensivmedizinischer Massnahmen gegeben ist. Bei Okklusion einer grossen Hirnbasisarterie erfolgt die Behandlung mittels geeigneter und konzeptualisierter Zuweisung in einem entsprechend eingerichteten SC oder einer Intensivstation. Seit der Publikationen von erfolgreichen intraarteriellen Therapien mittels Stent Retriever hat sich diese Art der Therapie durchgesetzt. Patientinnen und Patienten, die nicht unmittelbar in ein SC eingewiesen werden, werden nach Erstevaluation in einer SU meist nach Beginn einer intravenösen Thrombolysetherapie unmittelbar in ein SC zur intraarteriellen Behandlung überwiesen [11]. Die ESO sieht in ihrem «Stroke Action Plan for Europe 2018–2030» (https://actionplan.eso-stroke.org) für Patientinnen und Patienten mit akutem ischämischem Hirnschlag oder intrazerebralen Blutungen vor, dass:
  1. 90% der akut von einem Hirnschlag Betroffenen in einer entsprechend ausgerüsteten Institution mit SU behandelt werden können,
  2. 95% der Betroffenen, die eine Indikation für eine revaskularisierende Therapie aufweisen, diese erhalten,
  3. die Zeit vom Symptombeginn bis zur Behandlung median <120 Minuten beträgt, für eine endovaskuläre Therapie <200 Minuten,
  4. intravenöse Therapie mit rekombinatem Plasminogenaktivator bei mindestens 15% aller Hirnschlagbetroffenen appliziert werden und
  5. die Letalität innerhalb der ersten 30 Tage für Patientinnen und Patienten mit intrazerebralen Blutungen weiniger als 25% beträgt.

Evidenzbasiert wirksame Elemente einer SU

Gestützt auf kontrollierte randomisierte Studien führt die Behandlung von Hirnschlagpatientinnen und -patienten in einer hierfür vorgesehenen Behandlungseinheit durch ein multiprofessionell zusammengesetztes Team (ärztliches Personal, Pflegende, Therapeutinnen und Therapeuten, Sozialdienst, Case Management, Ernährungsberatung) kombiniert mit dem Einsatz von medikamentösen und interventionellen Therapien und dem frühzeitigen Beginn rehabilitativer Massnahmen im Vergleich zur Therapie auf einer nicht spezialisierten Station zu einer tieferen Mortalität und geringeren Morbidität [5, 12]. Die Behandlung von Hirnschlagpatientinnen und -patienten in einer organisierten Einheit, SU oder SC, kommt allen Betroffenen zugute. Das relative Risiko für eine bleibende Pflegebedürftigkeit oder Tod ist reduziert (Odds Ratio [OR] = 0,78; 95% Confidence Intervall [CI] 0,68–0,91 im Vergleich zum «general medical ward»). Pro 100 Behandelte bedeutet dies zwei Verstorbene weniger, sechs Patientinnen und Patienten mehr, die zu Hause leben können, und sechs zusätzlich, die keine bleibende Behinderung aufweisen [4, 13, 14].
Die SU ist eine räumlich definierte Station mit einer spezifischen Infrastruktur, in der Patientinnen und Patienten mit Hirnschlag aufgenommen werden. Sie ist in jedem SC integriert und kann auch in Institutionen ohne SC eingerichtet werden. Eine räumlich definierte SU ist einer funktionellen SU (das heisst einer Behandlung durch ein Stroke Team, das Hirnschlagbetroffene auf verschiedenen Stationen im Spital betreut) überlegen [14–17]. Hier erfolgt die Hirnschlagbehandlung durch speziell ausgebildetes Personal nach vordefinierten Kriterien und Algorithmen [6, 18]. Die Behandlung ist umfassend, das heisst, sie schliesst definierte Zuweisungswege in der Vorspitalphase, Sofortmassnahmen bei Spitaleintritt inklusive akuter Revaskularisierungsmassnahmen, Prävention und Therapie von Akutkomplikationen sowie die Klärung der zugrunde liegenden Ursachen und deren Nachbehandlung ein. Therapien und Komplikationen, die eine akute Lebensbedrohung für die Patientinnen und Patienten bedeuten, verlangen eine Weiterbehandlung auf einer zertifizierten Intensivstation. Die SU-Behandlung umfasst auch Massnahmen, die der Prävention weiterer Hirnschläge, dem frühzeitigen Beginn der Rehabilitation sowie deren Planung über den Aufenthalt in der SU hinaus dienen.
All diese Elemente, wie auch die kontinuierliche Überwachung der Vitalparamter, die regelmässige klinische Überprüfung des neurologischen Befundes und die Einleitung angepasster Massnahmen bei Schluckstörungen, sind die wesentlichen Gründe des günstigen Effektes der SU-Behandlung [19]. Die SU ermöglicht mit ihren infrastrukturellen und prozeduralen Voraussetzungen die Anwendung wirksamer und spezifischer Einzelmassnahmen, die im Kontext einer SU anzuwenden sind und die die günstige Wirkung der SU auf die funktionelle Erholung noch verstärken. Diese sind:
  • Die intravenöse Thrombolyse in der SU mit rekombinantem Plasminogenaktivator (rt-PA) ist eine hochwirksame Einzelmassnahme. Die «number needed to treat» (NNT) für ein funktionell günstiges Behandlungsresultat ist zeitabhängig und nimmt von 4,5 bis 14,1 zu, je nach Latenz des Behandlungsbeginns von <90 Minuten bis 4,5 Stunden nach Symtombeginn [11, 19]. Aufgrund der grossen prognostischen Bedeutung des Faktors «Zeit bis zum Thrombolysebeginn» kommt der Optimierung der Vorspitalphase und der akuten Behandlungsprozesse eine wesentliche Bedeutung zu.
  • Die intraarterielle Thrombektomie im SC bis sechs Stunden nach Symptombeginn, in besonderen Situationen auch bis 24 Stunden, geht mit einer höheren Wiedereröffnungsrate der okkludierten Arterien einher und kann die Erholungschancen der Patientinnen und Patienten verbessern. Die mechanische Thrombektomie ohne pharmakologische Thrombolyse und die Kombination von systemischer Thrombolyse und mechanischer Thrombektomie wurden in Fallserien und kontrolliert randomisierten Studien erfolgreich eingesetzt. Der Effekt der gefässeröffnenden Therapie ist erheblich. Insgesamt müssen bei verzögerungsfreier Applikation, neben dem Effekt der SU, drei Personen behandelt werden, um einen Fall von Pflegebedürftigkeit oder Tod zu verhindern [11, 20].
  • Die dekompressive Kraniektomie bei Patientinnen und Patienten mit raumfordernden Hirninfarkten hat sich als wirksame Akutherapie zur Verhinderung von Todesfällen und schwerer Behinderung erwiesen [21, 22].
  • Auch für Patientinnen und Patienten mit Hirnblutungen konnte ein günstiger Effekt der SU-Behandlung gezeigt werden, der mindestens so gross wie derjenige beim ischämischen Hirnschlag ist [4].

Situation in der Schweiz

Jährlich erleiden rund 15 000 Personen in der Schweiz einen Hirnschlag [23] und schätzungsweise 5000 eine transitorische ischämische Attacke (TIA). Im Entscheid zur Planung der HSM betreffend die Behandlung von Hirnschlägen hatte das Beschlussorgan der Interkantonalen Vereinbarung für Hochspezialisierte Medizin (IVHSM) der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren an seiner Sitzung vom 20.5.2011 («Entscheid zur Planung der hochspezialisierten Medizin [HSM] im Bereich der hochspezialisierten Behandlung von Hirnschlägen.» Bericht vom 21.6.2011 [24]) festgehalten, dass die hochspezialisierte Behandlung bei Hirnschlägen die (i) akute endovaskuläre Behandlung des akuten Hirnschlages mit intraarterieller oder in loco applizierter Thrombolyse und mechanischer Thrombusauflösung, (ii) die dekompressive Kraniektomie in der akuten oder subakuten Krankheitsphase und (iii) die revaskularisierenden Behandlungen (chirurgisch und/oder endovaskulär) an extra- und intrakraniellen, obstruktiv erkrankten Hirnarterien umfasst. Das IVHSM-Beschlussorgan der GDK hat in seinem Schreiben vom 8.1.2012 an die SFCNS-Hirnschlagkommission die Zertifizierung von Spitälern als Voraussetzung formuliert und die SFCNS als Dachverband der klinischen Neurowissenschaften als Mandatnehmerin bestimmt. Eine Voraussetzung für die Zertifizierbarkeit eines SC oder einer SU ist das Vorhandensein einer zertifizierten Intensivstation im selben Spital, welche die Behandlung des akuten Hirnschlages in Zusammenarbeit mit den Fachkräften, die auch auf der SU und im SC tätig sind, übernimmt, sobald eine zusätzliche Intensivbehandlung notwendig ist. Die SFCNS hat ihrer Hirnschlagkommission die Aufgabe zur Zertifizierung von SUs und SCs übertragen. Die Zertifizierung der Intensivstation erfolgt durch die Zertifizierungskommission Intensivstationen (ZK-IS) der Schweizerischen Gesellschaft für Intensivmedizin. Die 2012 publizierten Richtlinien und Anforderungsprofile für SUs und SCs stellen seither die Grundlage für die Zertifizierung und Rezertifizierung dar, die von der aus Mitgliedern der SFCNS-Hirnschlagkommission gebildeten Zertifizierungskommission operationalisiert wurden. In der Schweiz sind derzeit zehn SC mit Mandat für Applikation von HSM-Therapien und 14 SUs zertifiziert (Abb. 2).
Abbildung 2: Stroke Units (rot) und Stroke Centers (blau) in der Schweiz.
© Swiss Federation of Clinical Neuro-Societies SFCNS (www.sfcns.ch/Stroke.html), Nachdruck mit freundlicher Genehmigung.

Methodik

Die Vertreterinnen und Vertreter der SHG und SFCNS-Hirnschlagkommission beschreiben hier das revidierte Anforderungsprofil für SUs und für SCs in der Schweiz. Dafür wurden die folgenden Dokumente und Grundlagen berücksichtigt:
  1. Das 2004 und 2012 publizierte Anforderungsprofil und die Richtlinien für SUs in der Schweiz sowie die Erfahrungen der Zertifizierungen und Rezertifizierungen seit 2012 [6, 25]
  2. Bericht zur hochspezialisierten Behandlung von Hirnschlägen in der Schweiz zuhanden des Beschlussorganes IVHSM der GDK (Hochspezialiserte Behandlung von Hirnschlägen in der Schweiz. Bericht für das Beschlussorgan GDK IVHSM/CDS CIMHS. 14.1.2011 [26])
  3. Entscheid des Beschlussorgans IVHSM der GDK zur hochspezialisierten Medizin von Hirnschlägen (Sitzung vom 20.5.2011; Bericht vom 21.6.2011) [6, 25]
  4. «ESO recommendations to establish organised stroke unit care». 2013, [7]
  5. Schweizerische Operationsklassifikation 2021 [27], CHOP 89.13.1 «Neurologische Komplexbehandlung des akuten Schlaganfalls» und CHOP 89.13.A «Neurologische Komplexbehandlung des akuten Schlaganfalls ausserhalb einer spezialisierten Einheit» im Swiss-DRG (Komplexbehandlung des Schlaganfalles [28])
  6. Die aktuellen ESO-Zertifizierungskriterien [29]
  7. Ausgewählte Literatur [4, 9, 30–36]
  8. Gründung der SHG-Arbeitsgruppe «Netzwerk Stroke Pflege Schweiz» und die Erarbeitung eines Vorschlages für pflegerische Zertifizierungskriterien
Basierend auf diesen Dokumenten haben die Mitglieder der Arbeitsgruppe «Stroke Unit» der SHG, die sich aus zerebrovaskulär interessierten Expertinnen und Experten der Neurologie, Neuroradiologie, Neurochirurgie, Neurorehabilitation, Intensivmedizin und Allgemeinen Inneren Medizin sowie Pflegepersonen aus spezialiserten Einrichtungen zusammensetzt, unter Verwendung des Konsensusprinzips bei der Formulierung qualitativer wie quantitativer Anforderungen die ursprünglichen Richtlinien überarbeitet und aktualisiert. Diese wurde von der SFCNS-Hirnschlagkommission, in der Vertreterinnen und Vertreter aller eingangs erwähnten Fachgesellschaften sowie Pflegende und Therapeutinnen und -therapeuten Einsitz haben, genehmigt. Parallel hat die Zertifizierungskommission die Richtlinien bereits in auditierbare revidierte Zertifizierungskriterien operationalisiert. Hierbei wurde auch erarbeitet, welche der Kriterien obligat zu erfüllen sind [37].
Die Nomenklatur und das Anforderungsprofil lehnen sich an diejenigen der ESO an [9].

Anforderungsprofil für SUs und SCs

Jede SU und jedes SC muss – in Übereinstimmung mit den Ausführungen der GDK [6, 25] – dem nachfolgend beschriebenen, allgemeinen Anforderungsprofil entsprechen, um das Spektrum der zerebrovaskulären Erkrankungen behandeln zu können:
  • Erfüllen von fachlichen, personellen, strukturellen und technischen Voraussetzungen, um das neurologische Ausfallssyndrom und die zugrunde liegende Ätiologie zu erfassen sowie die Gefahr von Komplikationen abzuschätzen, diese zu verhindern und zu behandeln;
  • Durchführung und Applikation von Therapien (medizinisch, interventionell, chirurgisch), auch unter Zeitnot während 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr;
  • Massnahmen zur Optimierung der Prähospitalisationsphase;
  • Aufbau und Weiterentwicklung von Behandlungsketten und -netzwerken;
  • Zusammenarbeit mit der Intensivstation;
  • Massnahmen, um eine multidisziplinäre neurologischen Rehabilitation zu gewährleisten;
  • Rehabilitationsplanung und rehabilitative Weiterbehandlung unter fachlicher Beratung einer Neurorehabilitationsspezialistin / eines Neurorehabilitationsspezialisten;
  • Rezidivprophylaxe und -prävention, inklusive Edukation von Patientinnen und Patienten sowie der Bevölkerung;
  • interprofessionelle Fort- und Weiterbildung;
  • Qualitätssicherung;
  • Dateneingabe ins «Swiss Stroke Register» garantieren;
  • Prinzipien des kontinuierlichen Verbesserungsprozesses umsetzen.
Die Schweizer SU und SC bilden in gegenseitiger, vertraglich geregelter Absprache regionale Netzwerke der Hirnschlagversorgung. Sie erfüllen hiermit den HSM-Entscheid vom 21.6.2011 (beziehungsweise des Anhangs: Begründung Teil c): «Die Organisation in Form von acht Regionen mit SC und SU gewährleistet die flächendeckende Versorgung mit den kleinstmöglichen Distanzen und nimmt Rücksicht auf die bereits etablierten Entwicklungen. Die verlangte Organisation in Netzwerken, auch unter Einsatz von telemedizinischen Mitteln, klärt die Abläufe und trägt zur Vermeidung von Verzögerungen bei der Aufnahme von Patienten zur indizierten Behandlung bei.» Die Einweisungen in die entsprechenden Institutionen wurden in einer separaten kürzlich publizierten Richtlinie festgehalten [38].
Zur flächendeckenden Versorgung empfiehlt die Arbeitsgruppe, Behandlungsketten von der Zuweisung bis zur Nachsorge zu bilden und eine ausgewogene regionale Verteilung der SUs und SCs anzustreben (Abb. 1). Das regionale Stroke Netzwerk beinhaltet ein (oder mehrere) SCs, keine bis mehrere SUs sowie allfällige weitere Spitäler der Region, Neurorehabilitationseinrichtungen sowie Notfalldienste innerhalb eines (geographischen) medizinischen Versorgungsraumes. Die Zusammenarbeit zwischen den Akteuren des Netzwerks sind geregelt. Die Zusammenarbeit der einzelnen SUs, zuweisenden Spitälern ohne SU und des SCs wird jeweils unter Berücksichtigung der lokalen Verhältnisse mit einem Kooperationsvertrag vereinbart. Solche Verträge werden auditiert.
Basierend auf diesem Anforderungsprofil sind im Folgenden in den Tabellen 1–7 die detaillierten, revidierten Kriterien, unterteilt in Kriterien für SUs und SCs, die zum Inhalt des Zertifizierungsprozesses gehören, aufgeführt.
Schweizerische Hirnschlaggesellschaft (SHG)
Prof. Dr. med. Philippe A. Lyrer
Universitätsspital Basel
Stroke Center Neurologie
Petersgraben 4
CH-4031 Basel
philippe.lyrer[at]usb.ch
1 Bundesamt für Statistik BSF. Spezifische Todesursachen [Internet]. Verfügbar unter: https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/gesundheit/gesundheitszustand/sterblichkeit-todesursachen/spezifische.html
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Funding Statement
PL: Forschungsgrants (an die Institution) vom Schweizerischen Nationalfonds (TICH-DOAC, ESTREL). MA: Forschungsgrants vom Schweizerischen Nationalfonds und der Schweizerischen Herzstiftung. UF: Forschungsgrants (an die Institution) von Medtronic (SWIFT DIRECT, BEYOND SWIFT), Stryker (DISTAL), Phenox (DISTAL), vom Schweizerischen Nationalfonds und der Schweizerischen Herzstiftung. AL: Forschungsunterstützung von The LOOP Zurich (University of Zurich Clinical Research Focus program). PM: Forschungsgrants (an die Institution) vom Schweizerischen Nationalfonds, der Schweizerischen Herzstiftung und der Universität Lausanne. Die anderen Autorinnen und Autoren haben deklariert, keine potentiellen Interessenskonflikte zu haben.
Conflict of Interest Statement
PL: Beiträge (an die Institution) von ACTICOR France (ACTIMIS) und Alexion-Astra Zeneca (ANNEXa-1). MA: Vortragshonorare von AStra Zeneca, Bayer, Medtronic, Novartis, Sanofi; Honorare für die Teilnahme an Scientific Advisory Boards von Amgen, Bayer, BMS, Daiichi Sankyo, Medtronic, Novartis, Novonordisk. EC: Zuschüsse von Boehringer (an die Institution) für die Teilnahme an einem Advisory Board. UF: Beraterhonorare von Medtronic und CLS Behring, Teilnahme an Data Safety Monitoring oder Advisory Boards (TITAN trial, IN EXTREMIS); Clinical event committee (COATING trial, Phenox). JG: Beraterhonorare (an Institution) von Medtronic (Gobal co-PI of Swift Direct) und Johnson and Johnson; angemeldete Patente (Aneurysmabehandlung). AF: Beratungshonorar von Boehringer Ingelheim, Vortragshonorar von Moleac Snc. Die anderen Autorinnen und Autoren haben deklariert, keine potentiellen Interessenskonflikte zu haben.