Briefe an die Redaktion
Von entscheidender Bedeutung der wissenschaftlichen Qualität sind neben einer fachärztlichen und versicherungsmedizinischen Expertise die Fähigkeiten, die Aussagen der zitierten Literatur dahingehend zu prüfen, ob das gewählte Studiendesign die gemachten Schlussfolgerungen zulässt. Nach der diesbezüglichen Überprüfung der kürzlich vorgelegten Publikation zum Thema «Traumatische versus degenerative Rotatorenmanschettenruptur» im Swiss Medical Forum muss unter anderem auf nachfolgende Unstimmigkeiten aufmerksam gemacht werden:
1. Wenn jeweils ein Schultertrauma genannt wird, heisst das noch lange nicht, dass dieses kausal mit der Entstehung einer frischen Rotatorenmanschettenruptur verknüpft ist. Das Prinzip «post hoc ergo propter hoc» darf nicht ausser Acht gelassen werden. Wenn die Autoren zum Beispiel behaupten, «in Wirklichkeit liegt die Prävalenz traumatischer Läsionen zwischen 46 und 62%» und dabei die Studie von Tan et al. [1] zitieren, sind sie diesem Denkfehler erlegen.
2. Die beratenden Ärztinnen und Ärzte der Unfallversicherer beurteilen ja ausschliesslich Fälle, bei denen ein akutes Schultertrauma angegeben ist. Nach Prüfung sämtlicher versicherungsmedizinisch relevanten Kriterien muss in der Regel nicht vorliegende Unfallkausalität bescheinigt werden. Gemäss den Vorstelllungen der Autoren wäre diese Überprüfung ja gar nicht mehr nötig.
3. In vielen zitierten Literaturbeispielen handelt es sich um Korrelations- respektive Querschnittsstudien, die grundsätzlich keine Aussagen zur Kausalität zulassen. Wenn die Autoren beim Verletzungsmechanismus zur Ansicht gelangen, dass bereits ein niederenergetisches Trauma wie ein Sturz aus Standhöhe mit Direktaufprall oder ein Sturz auf die Hand indirekt zu einer Rotatorenmanschettenruptur führen könne und dabei die Systematic Review von Mall et al. [2] und diejenige von Nyffeler et al. [3] zitieren, die in keiner Weise eine Aussage zur traumatischen Entstehung zulassen, stellt sich die Frage der Irreführung.
4. Wenn die Autoren die Bildgebung im MRI besprechen und dabei zum Beispiel die Arbeit von Loew et al. [4] zitieren, werden wiederum zwei Kollektive verglichen, die nur vermeintlich unterschiedlich sind (Traumaereignis angegeben oder nicht). Es verwundert nicht, wenn die Resultate in beiden Gruppen identisch sind. Der fehlende Unterschied ist vielmehr ein Indiz, dass in beiden Gruppen eine relevante degenerative Schadenanlage vorliegt. Das Trauma hat nicht zu einer Rotatorenmanschettenruptur geführt.
Das Argumentarium der Autoren im Übersichtsartikel des Swiss Medical Forum nach Peer Reviewing basiert auf Literaturzitaten, die infolge einer wissenschaftlich nicht glaubwürdigen und unkritischen Würdigung zu Fehlaussagen geführt haben. Die Hypothese, dass grundsätzlich gesunde Sehnen nicht reissen, können die Autoren nicht widerlegen. Ihnen ist dringend zu raten, die versicherungsmedizinische Standardliteratur kennenzulernen (zum Beispiel Ludolph [5] oder Hempfling [6]) und bei künftigen Publikationen den Stellenwert der zitierten Studien vorgängig zu überprüfen.
Dr. med. Luzi Dubs
Facharzt für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie des Bewegungsapparates, Winterthur
Die Replik auf den Leserbrief finden Sie unter https://doi.org/10.4414/smf.2023.09434.
1 Tan M, Lam PH, Le BT, Murrell GA. Trauma versus no trauma: an analysis of the effect of tear mechanism on tendon healing in 1300 consecutive patients after arthroscopic rotator cuff repair. J Shoulder Elbow Surg. 2016;25(1):12–21.
2 Mall NA, Lee AS, Chahal J, Sherman SL, Romeo AA, Verma NN, et al. An evidenced-based examination of the epidemiology and outcomes of traumatic rotator cuff tears. Arthroscopy. 2013;29(2):366–76.
3 Nyffeler RW, Schenk N, Bissig P. Can a simple fall cause a rotator cuff tear? Literature review and biomechanical considerations. Int Orthop. 2021;45(6):1573–82.
4 Loew M, Magosch P, Lichtenberg S, Habermeyer P, Porschke F. How to discriminate between acute traumatic and chronic degenerative rotator cuff lesions: an analysis of specific criteria on radiography and magnetic resonance imaging. J Shoulder Elbow Surg. 2015;24(11):1685–93.
5 Ludolph E, Kapitel VI-1.2.3 Rotatorenmanschettenschaden. In: Ludolph E, Schürmann J, Gaidzik PW. Kursbuch der ärztlichen Begutachtung. ecomed Verlag; Stand 69. Aktualisierung Februar 2023.
6 Hempfling H., Kremm V (Hrsg.). Schadenbeurteilung am Bewegungssystem Band 2, Meniskus, Diskus, Bandscheiben, Labrum, Ligamente, Sehnen. De Gruyter; 2017. 626 ff.