"Zeitschriften ermöglichen es, kritisch zu bleiben"
20 Jahre Swiss Medical Forum

"Zeitschriften ermöglichen es, kritisch zu bleiben"

Aktuell
Ausgabe
2022/0910
DOI:
https://doi.org/10.4414/smf.2022.09053
Swiss Med Forum. 2022;22(0910):160-162

Affiliations
Redaktorin Schweizerischer Ärzteverlag EMH, Muttenz

Publiziert am 01.03.2022

Nicolas Rodondi ist seit 2015 Chefredaktor des Swiss Medical Forum. Der Facharzt für Allgemeine Innere Medizin und Direktor des Berner Instituts für Hausarztmedizin spricht über die verschiedenen Facetten der Chefredaktion.

Zur Person

Prof. Dr. med. Nicolas Rodondi hat in Lausanne Medizin studiert. Nach dem Studium forschte er an der Universität Lausanne, wo er sich in Allgemeiner Innerer Medizin weiterbildete, zur Prävention von Herz-Kreislauf-Krankheiten. Nach der Ausbildung wurde er Oberarzt am CHUV und an der früheren Policlinique médicale universitaire (PMU), heute Unisanté. Danach absolvierte er ein Postdoktorat in San Francisco. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz arbeitete Nicolas Rodondi einige Jahre erneut an der PMU, bevor er 2011 einem Ruf nach Bern folgte und Chefarzt der Medizinischen Poliklinik an der Universitätsklinik für Allgemeine Innere Medizin des Inselspitals wurde. Zudem ist er seit 2016 auch Direktor des Berner Instituts für Hausarztmedizin (BIHAM) und seit 2017 Mitglied der Abteilung Programme des Forschungsrats des Schweizerischen Nationalfonds (SNF). Seit Juli 2021 leitet er den Verein «smarter medicine – Choosing Wisely Switzerland».
Professor Rodondi, wollten Sie immer eine ­medizinische Zeitschrift leiten?
Nein, davon habe ich nie geträumt (lacht). Allerdings war ich schon seit dem Ende meines Medizinstudiums mit Schreiben befasst, da ich sofort viel Forschung betrieben habe. Ich musste unsere Ergebnisse veröffentlichen, Forschungsberichte und -artikel verfassen. Doch die Chefredaktion war kein Selbstzweck. Ausserhalb des wissenschaftlichen Publizierens schreibe ich keine Romane und es gibt keine grossen Schriftsteller in meiner Familie (lacht).
Wie kamen Sie zu dieser Funktion?
Ich war zunächst Mitglied der Redaktion des Swiss Medical Forum. Der damalige Chefredaktor, Reto Krapf, hat mich rekrutiert. Zu dieser Zeit gehörte ich bereits der Redaktion von zwei Zeitschriften in den Vereinigten Staaten an (Anm. d. Red.: Journal ofGeneral Internal Medicine, JAMA Internal Medicine), ich hatte also zugleich Erfahrung in der Redaktion, Beurteilung und Herausgabe wissenschaftlicher Artikel. Doch was am meisten für mich gesprochen hat, als man wegen der Nachfolge von Reto Krapf, der in Pension ging, an mich herantrat, ist die Tatsache, dass ich ein Arzt aus der ­Romandie bin, der in Bern arbeitet und über ein Netzwerk von Kontakten in den grossen Spitälern des Landes und beiderseits der Saane verfügt. Ich kann mich auf Französisch und auf Deutsch ausdrücken, eine Voraussetzung, um mühelos an allen Diskussionen bei den Redaktionssitzungen teilnehmen zu können. Mein Interesse für die Aus-, Weiter- und Fortbildung junger Ärztinnen und Ärzte hat ebenfalls eine grosse Rolle gespielt.
Können Sie den Leserinnen und Lesern schildern, worin Ihre Aufgaben als Chefredaktor bestehen?
Auch wenn ich an der Spitze der Zeitschrift stehe, habe ich dieselben Aufgaben wie alle Mitglieder der Redaktion. Ich erhalte eine Reihe von Artikeln, deren Qualität ich zu beurteilen habe. Bringen sie einen ausreichenden Mehrwert für die ärztliche Ausbildung? Ist das Thema für die Mehrheit der Schweizer Ärzteschaft von Interesse? Ist der Artikel verständlich geschrieben? Fassen die Tabellen und Abbildungen das Thema gut zusammen? Sind diese Anforderungen erfüllt, sende ich den Artikel mit Unterstützung des Verlags an externe Fachleute zum «Peer Review». Dabei werden die Richtigkeit und die Relevanz der Aussagen geprüft. Die Redaktorinnen und Redaktoren selbst achten darauf, dass der Text klar ist und am Ende sachdienliche Vorschläge enthält, welche die Ärztinnen und Ärzte, die wenig Zeit zum Lesen haben, anwenden können.
Und was ist das Besondere an der Rolle als ­Chefredaktor?
Ich leite die Sitzung, an der einmal pro Monat die gesamte Redaktion teilnimmt. Dabei sprechen wir über strategische Entwicklungen, mögliche neue Rubriken oder Möglichkeiten zur Verbesserung der Prozesse innerhalb der Zeitschrift, etwa durch eine möglichst kurze und effiziente Reviewing-Phase. Ausserdem obliegt es mir, mich mit Problemartikeln zu befassen: Wir erhalten bisweilen Texte, die auf einen Interessenkonflikt hinweisen, den Verdacht auf ein Plagiat oder «Ghostwriting» nahelegen oder zu Klagen oder Konflikten zwischen Fachgesellschaften Anlass geben könnten.
Eine weitere Aufgabe des Chefredaktors ist das Verfassen von Editorials. Mögen Sie diese Aufgabe?
Für diese Art von Artikeln wende ich die meiste Zeit auf, da sie meiner Meinung nach pointiert und solide sein und eine wichtige Botschaft oder einen neuen ­Aspekt beinhalten müssen. Ich habe einige davon ­verfasst, es gelingt uns aber nicht, für jede Ausgabe ein Editorial zu schreiben. Künftig möchten wir vermehrt die Reviewer in das Verfassen der Editorials einbeziehen.
Was motiviert Sie persönlich in dieser Funktion?
Am meisten motiviert mich, dass ich zur Ausbildung der jungen Ärztinnen und Ärzte beitragen kann. Ich bin überzeugt, dass den Fachzeitschriften in dieser Hinsicht eine entscheidende Rolle zukommt. Wir haben in der Schweiz eine sehr gute medizinische Versorgung; damit das so bleibt, müssen wir weiterhin eine hervorragende Ausbildung gewährleisten. Eine redaktionell unabhängige Qualitätszeitschrift wie das Forum trägt dazu bei. Zumal alle zwei Wochen rund 40 000 Ärztinnen und Ärzte unsere Artikel erreichen.
Eine unabhängige Qualitätszeitschrift: Ist das ein Ziel, das Sie verfolgen?
Absolut. Für mich ist es von entscheidender Bedeutung, über eine Ausbildungszeitschrift zu verfügen, die völlig unabhängig von der Pharmaindustrie ist und durch ­externe Fachleute geprüft wird. Genau diese Qualitätsanforderungen ermöglichen es, das hohe Niveau der ärztlichen Ausbildung in der Schweiz zu erhalten. Die Ärzteschaft vertraut dem Forum weit mehr als Zeitschriften, deren Inhalt weitgehend von Pharmaunternehmen gesponsert wird. In derartigen Zeitschriften drehen sich die Artikel, die bisweilen von den Unternehmen selbst stammen, um neue Arzneimittel, während sie viele wichtige Themen nicht behandeln.
Gibt es einen Aspekt ihrer Rolle als Chefredaktor, der Ihnen weniger gefällt?
Das Mühsamste ist der finanzielle Druck, der ebenso wie in der gesamten Pressebranche immer spürbarer wird. Lange Zeit waren wir in der Redaktion frei von jeglichem Zwang und konnten uns vollständig der wissenschaftlichen Qualität widmen. Das hat sich vor drei Jahren geändert, als die FMH ihren Beitrag zur Zeitschrift gestrichen hat. Gleichzeitig nahmen die Werbeannoncen in der Presse kontinuierlich ab. Aufgrund dieser Faktoren ist der finanzielle Druck deutlich stärker.
Wirkt sich dies auf den Inhalt des Forums aus?
Die Artikelqualität ist glücklicherweise nicht beeinträchtigt, die Geldfrage spielt jedoch eine immer grössere Rolle in unseren strategischen Entscheidungen. Auf lange Sicht könnte sie sich zum Beispiel auf die Übersetzungen auswirken, mit der Folge, dass manche Artikel nur noch in einer Sprache erscheinen.
Von welchen Inhalten möchten Sie mehr in der Zeitschrift sehen?
Das Forum sollte vermehrt als Ort der Debatte dienen. Ich würde gerne von Zeit zu Zeit unterschiedliche Standpunkte zu kontroversen Themen, die in der Medizin zahlreich sind, veröffentlichen. Das ist in der Schweizer Kultur aber nicht so üblich. In der Vergangenheit gab es diesbezüglich erfolglose Versuche: Der Autor eines Artikels fühlte sich verletzt, weil seine Aussagen in einem Editorial infrage gestellt wurden. Die Schweizer Konsenskultur und dezidierte Ansichten kommen schlecht miteinander aus (lacht). Schade, denn ich denke, dass eine gute Informationsqualität auch auf der Präsentation ­diverser Standpunkte beruht und die Ärztinnen und Ärzte sie kennen sollten. Das richtige Format für diese Debatten muss noch gefunden werden.
Welche weiteren Ideen würden Sie gerne realisieren?
Ich würde es sehr begrüssen, wenn es Seiten gäbe, die sich den Patientinnen und Patienten widmen. Das ­Forum könnte zudem dazu beitragen, die interprofessionelle Zusammenarbeit durch Informationen zu ­fördern, die auch für Pflegefachpersonen, Physiotherapeutinnen und -therapeuten und Apothekerinnen und Apotheker nützlich sind. Bei vielen Krankheiten, etwa Diabetes, arbeiten die Angehörigen verschiedener ­Gesundheitsberufe Hand in Hand. Es ist nicht so einfach, alle an einen Tisch zu bringen, doch dies würde die Zeitschrift stärken.
Wie wird das SMF Ihrer Ansicht nach in 20 Jahren aussehen?
Das ist schwer zu sagen, ich sehe aber zwei Tendenzen: Alles, was online ist, wird an Bedeutung gewinnen, und es wird nicht mehr möglich sein, den gesamten Inhalt der Druckausgabe im Internet zu veröffentlichen, man wird eine Auswahl treffen müssen. Ausserdem glaube ich, dass man die Synergien zwischen unabhängigen Ausbildungszeitschriften verbessern und die Kräfte vereinen muss. Noch vor einigen Jahren gab es in der Schweiz 60 medizinische Fachzeitschriften! Manchmal bekomme ich zehn Zeitschriften pro Woche, ich kann unmöglich alles lesen. Es wäre meiner Ansicht nach sinnvoll, die Zahl der Zeitschriften zu verringern und auf höchste Qualität zu setzen. So könnte man erreichen, dass sie mehr Wirkung erzielen und man ein gemeinsames und nachhaltiges Finanzierungsmodell findet. Natürlich hoffe ich, dass das Forum zu jenen Zeitschriften zählen wird, die weiterhin bestehen!
Apropos Ausbildung: Was würden Sie Studierenden der Medizin sowie Assistenz­ärztinnen und -ärzten raten?
Ich rate ihnen, die Spezialisierung in als hochwertige Weiterbildungsstätten anerkannten Universitätszentren und Spitälern gut vorzubereiten. Zudem sollten sie die diversen Ausbildungszeitschriften lesen, da sie so ihren Horizont erweitern und das hinterfragen können, was sie im Alltag in einer einzigen Einrichtung ­lernen. Die Versorgung ist nicht überall gleich, es ist darum wichtig, einen kritischen Geist zu bewahren. Indem man die Medizin reflektiert, kann man sie verbessern. Und nicht jede ärztliche Handlung ist der Patientengesundheit zuträglich.
Warum haben Sie sich für die Allgemeine Innere Medizin entschieden?
Sie ist eine breit gefächerte Fachrichtung, in der man zahlreichen Krankheiten begegnet und eine ganze Bandbreite klinischer Situationen lehren kann. Als Generalist versorge ich die Patientinnen und Patienten allgemein und umfassend und entscheide in Partnerschaft mit ihnen. Dieser Aspekt begeistert mich in der täglichen Praxis.
Sie praktizieren zu 50% im Inselspital und leiten zu 50% das Institut für Hausarztmedizin. Wie gelingt es Ihnen, diese Tätigkeiten mit der Funktion als Chefredaktor des Forums in Einklang zu bringen?
Meine Zeit ist wie für jeden begrenzt, ich glaube aber, dass diese Posten sich gut ergänzen. Dadurch, dass ich täglich Menschen behandle, kann ich die Artikel, die wir erhalten, bewerten: Welchen Beitrag liefert dieses Thema zur täglichen Patientenversorgung? Die Mehrheit der Redaktionsmitglieder verfügt im Übrigen über grosse Erfahrung in der klinischen Praxis und kann ­erkennen, was die Versorgung revolutioniert oder revolutionieren könnte.
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